Derivate – Charakter, Nutzungsmöglichkeiten und Risiken
Bei den Derivaten handelt es sich nach allgemeiner Einschätzung wohl um das am schnellsten wachsende bzw. sich verändernde Segment des heutigen Finanzwesens. So betrug nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) der Nominalwert aller weltweit ausstehenden OTC-Derivatkontrakte im 1. Halbjahr 2007 rund 516 Billionen Dollar. Im Jahre 2000 war der Nominalwert noch bei rund 95 Billionen Dollar.
Bei Derivaten handelt es sich um Finanzinstrumente, deren Preis bzw. Wert von den jeweiligen Kursen oder Preisen anderer Handelsgütern (Beispielsweise Rohstoffe oder landwirtschaftliche Güter), Vermögensgegenstände (Beispiele hierfür sind Aktien oder Anleihen) oder von marktbezogenen Referenzgrössen (Zinssätze, Indizes) abhängig ist. Ferner kann der Wert von der Wahrscheinlichkeit eines Eintretens eines Ereignisses (wie beispielsweise der Insolvenz eines Unternehmens oder dem Bankrott eines Staates) abhängig gemacht werden. Es handelt sich hierbei um Verträge, in denen die einzelnen Vertragsparteien vereinbaren, einen einzelnen oder mehrere Vertragsgegenstände zu im Voraus detailliert festgelegten Bedingungen in der Zukunft:
zu kaufen;
zu verkaufen;
zu tauschen; beziehungsweise
alternativ Wertausgleichszahlungen zu leisten.
Der Ursprung des Wortes Derivat kommt vom lateinischen derivare, war soviel wie ableiten bedeutet. Es bezieht sich auf die Eigenschaft des abgeleiteten Preises (Kurs) des jeweiligen Instrumentes von einem ihm zugrunde liegenden Basiswert.
Definition nach IFRS/IAS
Nach den internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS/IAS handelt es sich bei einem Derivat um ein Finanzinstrument bzw. einen anderen Vertrag, der nach dem IAS Standard 39 den drei nachfolgenden Merkmalen allesamt entsprechen muss:
Der Wert ändert sich infolge der Änderung eines zugrunde liegenden Basiswertes (wie beispielsweise Zinssatz, Preis eines Finanzinstruments, Rohstoffpreise u.a.);
Es erfordert keine Anschaffungsauszahlung oder eine, die im Vergleich zu anderen Vertragsformen, von denen zu erwarten ist, dass sie in ähnlicher Weise auf Änderungen der Marktbedingungen reagieren, geringer ist, und;
Es wird in der Zukunft glattgestellt.
Nutzungsmöglichkeiten
Als Nutzungsmöglichkeiten können namentlich die folgenden Möglichkeiten aufgezählt werden:
Absicherung: Derivate können dazu verwendet werden, sich gegen allfällige künftige Preisschwankungen des Basiswertes abzusichern. Dies kann beispielsweise darin erfolgen, indem man ein im eigenen Besitz befindliches Gut per Termin verkauft bzw. mittels einer Option gegen einen Preisverfall absichert. Ferner kann man den Verkaufspreis künftiger zu produzierender Güter (wie beispielsweise Getreide) oder den Einkaufspreis künftig benötigter Rohstoffe (wie beispielsweise Erdöl, Bauholz) absichern, was die Kalkulation erleichtert.
Spekulation: Derivate können dazu verwendet werden, auf die künftige Preisentwicklung der entsprechenden Basiswerte zu spekulieren, ohne die Basiswerte selbst dabei kaufen oder verkaufen zu müssen. Weiter bieten verschiedene Derivatarten die Möglichkeit, auf spezifische Preisparameter zu spekulieren, die nur am Derivatemarkt existieren (beispielsweise auf die implizite Volatilität bei Optionen).
Arbitrage: Schliesslich bieten Derivate auch Chancen für Arbitrage-Gewinne. Diese entstehen durch Ausnutzung von Preisdifferenzen zwischen Kassa- und Terminmarkt, aus komparativen Kostenvorteilen zwischen verschiedenen Marktsegmenten oder durch die Ausnutzung rechtlich unterschiedlicher Behandlung wirtschaftlich gleichwertiger Geschäfte. Arbitragemöglichkeiten sind wichtig für die Preisbildung an den Derivatmärkten.
Bei den Absicherungs- wie auch bei Spekulationsgeschäften bieten Derivate unterschiedliche Vorteile gegenüber Kassageschäften in den Basiswerten. So erfordern Derivate einen geringeren Liquiditäts- und Kapitaleinsatz. Ferner entfallen Lieferungs- und Lagerkosten, was insbesondere die Spekulation auf Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte erleichtert. Schliesslich kann es vorkommen, dass die Derivatmärkte liquider sind als die Kassamärkte im zugehörigen Basiswert.
Wegen des geringeren Kapitaleinsatzes besitzen die Derivate konstruktionstechnisch einen Hebeleffekt, den sogenannten Leverage. Dies bedeutet, dass Derivate überproportional an Preisschwankungen des Basiswertes partizipieren.
Achtung wichtig
Optionen und Futures schwanken im Kurs sehr viel stärker als der zugrunde liegende Basiswert. Dieser Effekt wird Leverage- oder Hebel-Effekt genannt und schlägt sowohl auf die positive wie auch auf die negative Seite aus.
Besondere Risiken
Auch bei Derivaten stehen sich Chancen wie auch Risiken gegenüber. Per se sind Derivate nicht risikoreicher als das zugrundeliegende Kassageschäft. Mikroökonomisch betrachtet wohnen Derivaten dieselben Marktrisiken der Art nach inne wie den zugrunde liegenden Kassageschäften und auch dem Ausmass nach erzeugen Derivate keine Risiken, die in gleicher Weise nicht schon an den Kassamärkten existieren würden.
Doch im Vergleich zwischen Termingeschäft und Basiswert ergeben sich Risikounterschiede. So ist die Preisbildung bei Derivaten insbesondere für Privatanleger oft intransparenter, da diese sich nicht (nur) wie bei Wertpapieren am Kassamarkt durch Angebot und Nachfrage ergibt, sondern neben dem Preis des Basiswertes auch andere Parameter (wie beispielsweise Restlaufzeit) eine sehr zentrale Rolle spielen können. Insbesondere für den Privatanleger ist dies in vielen Fällen schwer nachvollziehbar (Komplexitätsrisiko).
Weiter kann – je nach der Ausstattung des Kontrakts – das Risiko darin bestehen, dass entgegen der ursprünglichen Absicht bei Fälligkeit zusätzliche Geldmittel aufgebracht werden müssen (Kreditrisiko).
Da Einlagen bei Brokern oft nur bis zu einem bestimmten Betrag abgesichert sind, besteht ferner ein Brokerrisiko.
Die Preise von Derivaten unterliegen derselben stochastischen Unsicherheit wie der Basiswert (Marktrisiko). Der Hebeleffekt hat aber bei Derivaten eine stärkere Partizipation auch an negativen Kursbewegungen und somit entsteht auch ein überproportionales Verlustrisiko. Dies kann im Extremfall bis zum Totalverlust oder sogar noch darüber hinaus führen.
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Werner Wohlwend Lic. oec. HSG Werner Wohlwend ist Doktorand am ACA-HSG Institut für Accounting, Controlling & Auditing, St. Gallen. Werner Wohlwend studierte Wirtschaftswissen-schaften an der Universität St. Gallen, hat mehrjährige internationale Berufserfahrung bei Schweizer Grossbanken sowie in der Beratung und ist Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Basel. Werner Wohlwend ist Herausgeber des WEKA Know-how-Moduls FinanzberatungsPraxis Online.
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